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Pizza, Wagyu-Rind und Bitcoin aus Automaten › absatzwirtschaft
In Italien verkauft ein Automat Pizzen an hungrige Passanten. Der Geschmack ist streitbar, aber er steht für einen Trend im Lebensmittelhandel.
Von Anne-Kathrin Velten
Ein Automat spaltet Italien: Ausgerechnet im Mutterland der Pizza steht der Teigwaren-Automat “Mr. Go”. Dieser spuckt 24 Stunden an sieben Tagen die Woche vier verschiedene Pizzen mit frischen Zutaten aus. Kostenpunkt je Pizza zwischen vier und sechs Euro. Der Automat steht in Rom nordöstlich des Hauptbahnhofs. Ein Graus, finden die italienischen Pizzabäcker, die ihre Teigwaren voller Stolz traditionell im Steinofen backen. Ein Geschenk, denken hungrige Passanten gerade in Corona-Zeiten.
Natürlich macht der Automat in den sozialen Medien die Runde. Das kurbelt das Geschäft an, denn viele wollen die Produkte ausprobieren. Es hagelt aber auch viele schlechte Bewertungen. Die Pizza sei labbrig und schmecke industriell. Tatsächlich sei das Produkt, das der Automat nach drei Minuten ausspuckt, nicht mit einer echten italienischen Pizza vergleichbar, so Massimo Bucolo, der die Idee entwickelt hat. Der Automat sei für Menschen, die wenig Zeit hätten und nicht unbedingt mit anderen Menschen zusammensitzen wollen. Außerdem wolle er mit seinem Automaten eine zeitliche Lücke füllen und eine warme Mahlzeit anbieten, wenn alles andere geschlossen habe.
Corona beflügelt Automaten-Trend
Nun mag dieser Automat in Rom in wenigen Wochen nur noch ein vergangener Hype in den sozialen Netzen gewesen sein. Verpflegungsautomaten generell liegen allerdings im Trend. Sie sind ein echtes Corona-Phänomen und kommen vielfältig zum Einsatz. Anfangs waren sie in Bahnhöfen und Flughäfen die einzige Chance, etwas zu Essen zu bekommen, da die sonstige Gastronomie geschlossen hatte. Viele davon wurde zuvor kaum genutzt und hatten eher einen schlechten Ruf. Die Ware könnte schließlich schon zu lange darin gelegen haben und überhaupt sind die Produkte eher ungesund.
Über die Krisenmonate hinweg wurden die Automaten aber immer individueller. So begann beispielsweise der Schweizer Automatenhersteller Leomat, gekühlte oder tiefgefrorene Menüs “in Premiumqualität” anzubieten. Aufgestellt wurden die Automaten in Schulen, Fabriken und Unternehmen. Denn dort wurden die Kantinen geschlossen. Per Knopfdruck können die Gerichte herausgelassen und dann mit Dampf heiß gemacht werden.
Automaten-Supermarkt in Wien
In Wien hat ein ganzer Automaten-Supermarkt eröffnet. Vorbild ist die Hightech-Kultur in Japan, wo derartige Supermärkte an fast jeder Straßenecke stehen. 24 Stunden geöffnet reiht sich darin Automat an Automat. Das Angebot in Wien ist breit: Eier, Brot und Pizza gehören wohl noch zur Grundausstattung eines Haushaltes. Mit Krokodilfleisch, Wagyu-Rind und Bitcoin wollen die Betreiber ein sehr spezielles Publikum ansprechen. Dennoch: Die Inszenierung ist schlicht, kaum ein Produkt wird besonders hervorgehoben. Die Preise sind eher an der Tankstelle als am lokalen Supermarkt orientiert.
Dichte und Qualität von Automaten steigen
Die Automatendichte und die Qualität der darin angebotenen Waren haben seit Jahren zugenommen. So werden nicht nur Kioske durch Getränkeautomaten ersetzt, gerade auch kleinere Betriebe setzen auf den Automatenverkauf. Ein gutes Beispiel sind Eier- und Milchautomaten von landwirtschaftlichen Betrieben, die immer verbreiteter werden. Manche Bauern bieten die ganze Palette eines Hofladens in Automatenform an. Zugang wie Bezahlung läuft über eine EC- oder Kreditkarte. Das Ganze ist personalarm und mit maximalen Öffnungszeiten.
Die Pandemie hat beschleunigt, was seit Jahren im Umbruch ist. Vorbild sind wie beschrieben zum einen asiatische Nationen wie Japan, aber auch große Konzerne wie Mc Donald’s, die gerade in den USA einen immer größer werdenden Anteil ihres Umsatzes über Selbstbedienungsmaschinen erwirtschaften. Fast alle Anbieter von Automatenmaschinen melden eine Verdopplung der Umsätze im Pandemiejahr 2020. Die absoluten Zahlen sind zwar im Vergleich zum Einzelhandel weiter gering, aber stetig wachsend. Zudem steigt die Qualität der angebotenen Produkte.
Automaten-Trend manifestiert sich
Viele der in Lockdown improvisierten Automatenlösungen sind gekommen, um zu bleiben. So bieten sie im landwirtschaftlichen Bereich einen Zusatzumsatz, der ansonsten kaum darstellbar wäre. In Betrieben, die bislang eine Kantine betrieben haben, sorgen die Automaten für Einsparungen im Personalbereich.
Eine große Bedrohung für die Jobwelt sind die Automaten allerdings nicht, sie sind aber ein weiteres Beispiel für Bereiche, die schneller digitalisiert und technologisiert werden als erwartet. Das müssen selbst die analog denkenden und handelnden italienischen Pizzabäcker bei aller Verachtung für Automaten-Pizzen einsehen.
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