Frank Behrendt: Ein Baum von einem Mann blüht wieder auf

Frank Behrendt: Ein Baum von einem Mann blüht wieder auf


Fünf Jahre ist es her, seit ich „zehn ernsthafte Ratschläge, wie man locker durchs (Berufs)Leben kommt“ veröffentlicht habe. Seitdem ist viel passiert. Auf meine Bücher und die stern-Stimmen bekomme ich jede Menge Zuschriften, viele davon sehr persönlich und berührend. Von einer möchte ich hier erzählen, denn sie macht hoffentlich anderen Mut, gerade jetzt in Zeiten, die viele Menschen besonders belasten.

Vor ein paar Wochen bekam ich eine E-Mail auf meine Kontaktadresse bei stern.de, eine Frau hat sie verfasst. Sie mag meine Kolumnen: „Die haben so eine wunderbare Leichtigkeit und bereiten mir immer Freude“, schrieb sie mir in einer langen persönlichen Nachricht.

Sie berichtete aber auch von ihrem Mann. Seit dem Abitur sind sie zusammen, die ganz große Liebe, „zwei tolle Kinder voller Energie und mit vielen Träumen“ krönen ihre lange Beziehung. Es geht ihnen finanziell gut, im Sommer waren sie immer in der Sonne, im Winter im Schnee. Jetzt sind sie nur noch zu Hause. Wie so viele in diesem Jahr, in dem Corona die Welt verändert hat. Ihr Mann wäre „emotional weit weg“, würde mehr und mehr grübeln, hätte in ihren Augen depressive Züge. „Das enge und starke Band, das uns über all die Jahre immer verbunden hat, wird täglich dünner“, las ich.

Frank Behrendt: Der Guru der Gelassenheit
Frank Behrendt (55) gehört zu den bekanntesten Kommunikationsberatern Deutschlands. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule war Top-Manager in der Musikindustrie, beim Fernsehen und in großen Agenturen. Sein Buch „Liebe dein Leben und NICHT deinen Job“ avancierte direkt nach Veröffentlichung zum Wirtschafts-Bestseller. Die Deutsche Public Relations Gesellschaft zeichnete den Mann, der immer gute Laune hat, als „PR-Kopf des Jahres“ aus. Weitere Infos: www.frankzdeluxe.de Direkter Dialog: frankzdeluxe@gmail.com

Ich gebe zu, mich berühren solche Sätze, das Leid anderer kann ich schlecht ertragen. Wo ich kann, helfe ich dann, so habe ich es von meinen Eltern gelernt. Ihr Mann lehnte es bisher kategorisch ab, zu einem „Psychofritzen“ zu gehen, berichtete sie mir. Noch immer scheuen viele schwermütige Menschen davor zurück, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, um aus dem dunklen Tal wieder hinauf ins Licht zu kommen.

Den Teufelskreis durchbrechen

Ich sprach mit einer befreundeten Ärztin, über die weit verbreitete Volkskrankheit Depression, rund fünf Millionen Mitmenschen leiden allein in Deutschland darunter. Sie lobte in diesem Zusammenhang die Arbeit der Deutschen Depressionshilfe, die im Zeitalter von Corona weiter an Relevanz gewinnt. „In einer Depression wird das Negative im Leben noch einmal deutlich vergrößert erlebt und ins Zentrum der persönlichen Befindlichkeit gerückt. Jede neue Meldung über die Ausbreitung des Virus, die Todeszahlen und neue Einschränkungen sind damit Beschleuniger des fatalen Teufelskreises“, beschrieb mir die Ärztin die Problematik.

Der von mir seit vielen Jahren verehrte Entertainer und Schauspieler Harald Schmidt ist seit 2008 als Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe tätig. Man sieht ihn auf Plakatwänden, hört ihn in Radiospots. „Das Erkennen der Symptome und die mögliche Behandlung der Krankheit soll einer großen Öffentlichkeit vermittelt werden“, erklärt Harald Schmidt sein ehrenamtliches Engagement. 

Ich bot der Mailschreiberin an, einfach mal mit ihrem Mann eine lockere Video-Konferenz zu machen – nicht als Therapeut, sondern als Mensch. Wir sind etwa im gleichen Alter, ich war mir sicher, dass ich zügig herausfinden würde, was uns verbindet. Kaum hatten wir ein paar Minuten gequatscht, entdeckten wir die erste Gemeinsamkeit: Wir hören beide leidenschaftlich gerne seit Jugendtagen die legendären Hörspiele der drei Fragezeichen. Die Sprecher der pfiffigen „Jungs“ aus Rocky Beach, Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich sind inzwischen zwar selbst im gesetzten Alter, aber die Fälle der drei ??? halten sie genau wie uns Hörer für immer jung.

Ich erzählte meinem Gesprächspartner von der gerade erschienenen Chronik des Hörspiel-Kult-Labels „Europa“, in dem auch die Hörspiele der drei ??? erscheinen. Das dicke Buch ist eine faszinierende Zeitreise, ein „spezialgelagerter Sonderfall“ gewissermaßen: 420 satte Seiten voller Bilder, Geschichten und Dokumenten – liebevoll aus zahlreichen Archiven, Kellern und Kisten zusammengetragen. Mein Gesprächspartner kaufte sich nach unserem Talk ebenfalls das Werk und seitdem fachsimpeln wir darüber, ein großer Spaß.

Ein Spaziergang durch die Herbstlandschaft

Weil wir uns von Beginn an so gut verstanden, haben wir uns in der letzten Woche – mit Abstand – an der frischen Luft getroffen. Mein neuer Fragezeichen-Spezi begleitete mich auf einer meiner täglichen Hunderunden. Es war so, als ob wir uns bereits seit vielen Jahren kannten, die gemeinsamen Helden der Kindheit hatten ein starkes Band geknüpft. Er erzählte mir, dass seine Mutter ihn, den 1,95-Meter-Mann, immer als „einen Kerl wie ein Baum“ bezeichnet hatte. Aktuell würde er sich aber eher „wie ein Fähnchen im Wind“ fühlen, gestand er mir nachdenklich.

Ich erzählte ihm von der Arbeit der Depressionshilfe und bot an, dass die mir bekannte Ärztin ihm einen Therapeuten empfehlen könnte. Dorthin kann man auch jetzt trotz aller Corona-bedingten Einschränkungen gehen, denn Besuche in einer psychotherapeutischen Praxis fallen unter die Regelungen zum „Arztbesuch“ und gelten als „notwendige medizinische Leistung.“ Er nickte. 

Wir genossen den Spaziergang durch die zauberhafte Herbstlandschaft, vor einem besonders schönen Baum blieb er stehen. Minutenlang blickte er ihn einfach nur an. Wir sprachen kein Wort. Eine Woche später rief er wieder an. Er hatte seinen ersten Besuch beim empfohlenen Psychotherapeuten gehabt, der hatte ihm gut getan. Ich freute mich mit und schickte ihm als kleine Überraschung das Buch „Die drei ??? und die Welt der Hörspiele“ von C. R. Rodewald, das ich selbst gerade begeistert lese.

Die Rückreise in die Zeit einer glücklichen Kindheit hat etwas von den ersten wärmenden Sonnenstrahlen nach einem kalten Winter. Die wahre Sonne des Mannes ist aber für mich die Frau an seiner Seite. Ihr Mail-Impuls geschah aus großer Liebe und ich werde weiterhin gerne meinen kleinen Beitrag dafür leisten, damit Sonne und Baum weiterhin eine glückliche Symbiose bilden.

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